Es ist doch nur ein Text …
Wir sind umgeben von Texten. Dank SMS, E-Mail, WhatsApp und anderen Messenger-Diensten haben sie an Bedeutung gewonnen und andererseits auch nicht. Textnachrichten sind heute unverzichtbarer Teil unserer digitalen Kommunikation. Es sind so viele Kleinigkeiten, die wir täglich in die Smartphones tippen oder per Mail senden, selbst an Kollegen, die vielleicht mit uns im selben Raum sitzen oder nebenan. Hinter jeder noch so kleinen Mitteilung steckt eine Absicht. Frei nach Paul Watzlawick – wir können nicht nicht kommunizieren. Wir können uns nicht nicht mitteilen, selbst in Textform nicht. Das sagt ja alleine schon das Wort: Mit-Teilung – etwas mit jemand anderem teilen, zumindest einer Person, sonst könnte ich es ja für mich behalten.
Selbst wenn ich einen Text nur für mich schreibe, habe ich etwas mitzuteilen, auszudrücken – für mich selbst. Oder auch nicht. Vielleicht will ich es mir von der Seele schreiben. Wem gilt dann die Mitteilung? Mir selbst oder doch jemand anderes? Mir fallen da zum Beispiel Ex-Partner ein. Eigentlich sind solche Texte an sie gerichtet, nur halten mich bestimmte Dinge davon ab, sie ihnen offen mitzuteilen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen bedeuten sie etwas.
Tun wir nicht gut daran, auch zwischen den Zeilen zu lesen? Das nicht Gesagte, in dem Fall Geschriebene, sagt zumindest etwas über uns selbst aus. Wie ist es, wenn eine Freundin lange nichts von sich hören, also heutzutage müsste man sagen, lesen lässt? Unweigerlich fragen wir uns, warum, was dahinter steckt. Also ist das Nichttexten doch auch eine Art Info. Sicher, meistens sind wir nur zu beschäftigt. Jedoch ist es möglicherweise auch ein Zeichen, dass etwas passiert ist. Ausdruck von Missfallen, vielleicht Verärgertsein. Oder es gab Krankheit, Unfall, familiäre Schwierigkeiten.
KEIN Text ist NUR ein Text.
Das Wort Text leitet sich vom Lateinischen textare ab, was „Aufeinanderfolge, Zusammenhang (der Rede), fortlaufende Darstellung“ bedeutet.
›Text‹ in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen | DWDS: Es ist doch nur ein Text …Eigentlich meint es „Gewebe“, texere heißt „weben, flechten, zusammenfügend verfertigen, bauen, errichten“ – was wiederum mit dem griechischen téchne verwandt ist, dem Wort für „Handwerk, Kunst, Fertigkeit“, von dem es zu Technik nicht mehr weit ist.
„Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.“, bearbeitet von Elmar Seebold, 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Verlag De Gruyter.
Ein Text, und sei er noch so klein oder kurz, kann durchaus so betrachtet werden – als etwas, das zusammenfügt – Wörter, Beziehungen, Zusammenhänge; auf anderen aufbaut – auf Texten und Kontexten, Geschichten und Ereignissen; Neues entstehen lässt – in der afrikanischen Kultur beginnt etwas erst zu existieren, wenn es ein Wort dafür gibt. Nommo ist die Lebenskraft, „die alles Leben bewirkt, die auf die Dinge einwirkt, und zwar in der Gestalt des Worts.“
„Muntu. Die neoafrikanische Kultur. Blues, Kulte, Negritude, Poesie und Tanz.“ von Janheinz Jahn, Eugen, 2. Auflage der Neuausgabe von 1995, Eugen Diederichs Verlag.

In der Bibel ist jedes Wort, das unsere Existenz und die unserer Erde ermöglicht, göttlich. Es scheint so, dass wir ohne Worte nichts sind – oder sagen wir, ohne Begriffe, und wir müssen sie niederschreiben, damit sie Bestand haben. Jede Geschichte baut auf Texten auf. Damit meine ich nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, Silben, Wörtern. Wenn ich Geschichten schreibe, dann sind sie unweigerlich geprägt von all den Geschichten, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin. Was sind also Texte für uns? Oder sind wir für sie? Dienen sie unseren Zwecken, gibt es Texte, die bloß Selbstzweck sind, oder bezwecken sie immer etwas? Ist ein einzelnes Wort schon Text? In jedem Fall können Worte Impulse geben und Macht besitzen, aber das ist eine andere Geschichte.
Auch das hier ist nur ein Text, nicht wahr?

