Ein Rabe im Flug

Rabenschwarz – der Rabe in unserer Kultur

Ein Rabe entlockt mir immer ein Lächeln. Nicht umsonst trage ich ihn im Namen und unter meiner Haut. Vielleicht ist es genau das, was sie uns Menschen unheimlich erscheinen lässt: Ihre Nonchalance.
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Was geht dir durch den Kopf, wenn du einen Raben siehst?

Während ich dies schreibe (und eigentlich an Elenyas Expedition arbeite, um endlich das Manuskript von Teil I fertigzustellen), sehe ich schwarze Punkte tanzen. Ich kann nicht anders, als abzuschweifen und darüber nachzudenken, wie tief verwurzelt der Rabe in unserer Kultur ist.

Heute ist ein grauer Novembertag, der Himmel von einer dicken Wolkendecke überzogen – die Raben aber vollführen ungestüm ihre Tänze, Neckereien, begleitet von ihrem schnarrenden Ruf. Sie beschweren sich nicht, sie spielen mit dem Wind. Nach allem, was ich über sie weiß, sind es Jungraben, die in Kolonien umherziehen, bevor sie sich fix an einen Partner / eine Partnerin binden.

Ein Rabe entlockt mir immer ein Lächeln. Nicht umsonst trage ich ihn im Namen und unter meiner Haut. Die Krähenvögel besitzen Faszination, Charakter, Glanz, Erhabenheit, Unbekümmertheit – und bei alldem eine hochsympathische Schalkhaftigkeit. Ich durfte schon zweimal Raben beobachten, die ein freundschaftliches Katz- und Maus-Spiel mit einem Mäusebussard vollführten. Ich kann mich ihnen nicht entziehen, wenn sie am Wegrand sitzen und das Sonnenlicht ihr Gefieder in allen Farben changieren lässt. Wenn ihre wachen, schwarzen Augen mich mustern, als wüssten sie über mich Bescheid. Sie spiegeln keine Angst, aber auch niemals Gleichgültigkeit. Die Bezeichnung Rabe meint hier übrigens vorwiegend den Kolkraben, die zitierten Geschichten umfassen jedoch alle Raben, Krähen und Unterarten.

Vielleicht ist es genau das, was sie uns Menschen unheimlich erscheinen lässt: Ihre Nonchalance – liebenswürdige Lässigkeit, Ungezwungenheit, Unbekümmertheit (Duden), durchaus menschliche Züge, dazu eine Intelligenz, die man als Besitzer eines so viel größeren Gehirns einem solchen Vogel nicht zutrauen würde, gepaart mit einem Federkleid, dessen Farbe an den Rand der Gesellschaft deutet.

Der Rabe und die Farbe Schwarz in unserer Kultur

Schwarz ist düster, ominös, die Farbe von Trauer und Tod. Es steht für Dinge, die wir nicht vollends durchschauen oder begreifen können – Löcher, Pest, Männer, Witwen. Zugleich bedeutet es etwas Geheimnisvolles, Seltenes. Im Fall der Rauchfangkehrer sogar Glück, denn die Raubfångkera auf Wienerisch lassen uns rasch nach dem nächsten Knopf greifen, wenn sie gesichtet werden – sie zaubern uns ein Lächeln ins Gesicht, denn wir wissen, wie wichtig ihre Arbeit ist. Die Schornsteine zu putzen schützt vor einer tödlichen Gefahr.

Raben sind als Aasfresser Aufräumer, sie tragen damit zur Hygiene in der Natur bei. Auf den Weiden zeigen sie kranke Tiere an – was ihnen fälschlicherweise den Ruf von Aggressoren oder gar Todbringern einbrachte. Der Mensch hat schon viele Versuche gestartet, sie zu jagen, zu dezimieren, sie schlagen dem gerne ein Schnippchen. Versuche etwa in Japan, Nester von der Feuerwehr per Wasserstrahl aus den Baumkronen zu „schießen“, endeten damit, dass sich die Raben Kleiderbügel von den Balkonen stibitzten, um die Nester damit in den Ästen zu verhaken. Diese und viele andere, faszinierende Tatsachen finden sich in einem meiner Lieblingsbücher: „Rabenschwarze Intelligenz. Was wir von Krähen lernen können.“ von Josef H. Reichholf, Verlag Langenmüller.

Wer schon einmal probiert hat, einen Raben zu seckieren, wird wissen, wozu sie fähig sind. Folgende Geschichte ist einem Bekannten von mir wirklich passiert: M. beobachtete von seinem Arbeitsplatz aus, wie die Raben im Innenhof Walnüsse so lange auf den Asphalt fallen ließen, bis die Schale aufbrach und sie an die Nuss herankamen. M. konnte nicht widerstehen und ging, sobald die Nuss offen war, vor die Türe, um sich die aufgeknackte Frucht zu holen. Das machte er immer wieder. Was war die Folge? Die Raben beobachteten, kombinierten und revanchierten sich – denn sie merkten sich, in welches Auto M. jeden Tag nach getaner Arbeit einstieg, und ließen die Nüsse gezielt auf dessen Dach fallen.

Die Fabel vom durstigen Raben, der so lange Steine in einen Krug schmeißt, bis der Wasserspiegel hoch genug ist, um davon zu trinken, ist kein Märchen, denn diese Verhaltensweise wurde längst von Forschern in Versuchen nachgewiesen. Sie stellen Werkzeuge her, formen Blätter zu spitzen Verlängerungen ihres Schnabels um oder Formen Drähte zu Haken, um an Nahrung zu kommen.

Die Raben am Himmel lassen Stürme jedenfalls nicht nur ungerührt, sie lassen sich sogar von ihnen tragen, spielen mit den Turbulenzen, geben sich hin, statt sich entgegenzustellen, und setzen sich darüber hinweg. Ein gutes Vorbild, wie ich finde, um mit stürmischen Zeiten des eigenen Lebens umzugehen.

Ich mag übrigens auch andere Rabenvögel – die wunderschöne Elster, den Eichelhäher, der im Wald Stimmen imitiert, oder die unerschrockenen Alpendohlen, die mir hoch oben auf der Nordkette oder beim Schifahren begegnet sind – aber das ist eine andere Geschichte.