Was wäre die Welt ohne Fantasie?
Ich gebe zu, es hat ein wenig gedauert. Alles in allem. Scheinbar bin ich ein Mensch, der mehrere und längere Anläufe braucht – sei es in der Reaktion, beim Radfahren, Uhr oder Noten lesen lernen, was den ersten Kuss betrifft, den Abschluss des Studiums, erst recht was den Mut angeht, Autorin zu werden. Ich verzettele mich gerne. Merkt man auch jetzt.
Was wäre die Welt ohne Fantasie?
Was schon immer da war: Meine Fantasie. Sie wurde angeregt durch den ersten Kinofilm, den ich an der Hand meiner Oma in einem kleinen Wiener Lichtspieltheater gesehen habe – „Das letzte Einhorn.“ Dann kam Star Wars, mit Stolz vorgeführt von meinem Vater, mit dem Projektor auf großer Leinwand im Keller, der zu unserer Mietwohnung in Ottakring gehörte. Zu früh damals, ich war zu klein, habe das nicht verstanden mit den Lichtschwertern, den Kämpfen, plötzlich ist einer verpufft und der Umhang zu Boden gefallen, dann war da noch dieser goldene Roboter. Die haben mir sowieso Angst gemacht. Die große, sprechende Puppe „Anna“, die ich von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen habe, war ein einschneidendes Schreckenserlebnis. Erst, als sie diese kleinen, bunten Plastikschallplatten entfernt hatten, gings. Aber richtige Freundinnen sind wir nie geworden. Später war da noch Maximilian, ein Weltraum-Roboter, der zum Killer mutiert ist. Auch für diesen Film waren wir zu klein, meine Schwester und ich, aber wir waren allein daheim … trotzdem ist aus mir ein großer Science-Fiction-Fan geworden. Captain Future hat da so einiges wieder gut gemacht.
Die Achtziger und Neunziger waren erfüllt von mitreißenden Geschichten: Die unendlichen von einem der Ende hieß, die ebenso emotionalen wie actionreichen über Außerirdische oder Dinosaurier, die ein gewisser Spielberg so meisterhaft inszenierte. Ich lernte Terry Pratchett und seine Scheibenwelt ebenso lieben wie Isaac Asimovs „Per Anhalter durch die Galaxis“. Last but not Least „Herr der Ringe“.
Ich hab der Welt was zu sagen, und ich tue es mit Fantasy
Lange habe ich den Terminus Eskapismus gerne benutzt – aber heute bin ich überzeugt: er ist irreführend und wird all diesen Geschichten nicht gerecht. Demnach hängen viele deswegen den vielfältigen Fantasiewelten nach, die unsere Gesellschaft zu bieten hat, weil sie entfliehen wollen.
Jedoch geht der Begriff der Flucht fehl – denn Fantasy stärkt uns. Was wäre ich ohne all die Helden, mit denen ich mich identifizieren konnte, mit denen ich gelitten habe? Wie teilte ich doch die Fassungslosigkeit des patscherten Zauberers und seine Scham, als er das edle Einhorn in eine farblose Frau verwandelte. Wie habe ich mit Bastian mitgefiebert als er gemobbt wurde – oder tatenlos miterleben musste, wie Ajax im Sumpf versank und das Reich der kindlichen Kaiserin sich in Nichts aufzulösen drohte.
Flucht impliziert Schwäche. Vielmehr aber bedeutet es Stärke, sich den eigenen Schwächen zu stellen, und das macht Fantasy möglich mit all den Superbösen, Übermächten, Antihelden und Lichtgestalten.
Diese Figuren und Wesen haben mich beim Erwachsenwerden begleitet, sie halfen mir, mich selbst einzuordnen. Wie würde ich an ihrer Stelle handeln? Würde ich einen Ausweg finden? Heldenreisen geben uns Kraft. Indem die Figuren über sich hinauswachsen, wirken sie über die Seiten, auf denen sie geschrieben, oder das Zelluloid, auf das sie gebannt sind, hinaus.
Zwischen Alpen und Donau ist österreichlich Platz für neue Legenden
Da gibt es außerdem noch ein großes Anliegen, das ich schon lange auf dem Herzen trage – seit ich mit dem Gedanken spielte, Filmregisseurin zu werden. Diesen habe ich aber bald verworfen habe, ganz einfach weil mir Filmemachen zu mühsam wäre. Ich hab nicht einmal ansatzweise auch nur die kleinste Idee zu einem Stop-and-Go-Film umgesetzt. Später, als ich Filmkomparserie gemacht habe, konnte ich mit eigenen Augen sehen, was für eine Leistung es war, Tag und Nacht im Regiesessel zu verbringen, den ganzen Zirkus am Laufen und die Meute zusammenzuhalten, neben Menschen, Figuren, Szenen auch die Technik zu beherrschen.
Aber zurück zu meinem Herzensanliegen: Österreich als Schauplatz spannender Fantasy-Action zu etablieren – das kann ich nun endlich in meinen Geschichten verwirklichen. „Contrived in Austria, made to captivate the world“ soll keine leere Phrase bleiben.
Da wäre noch was zu erwähnen
Meine Leidenschaft für Sprache ist groß – ebenso meine Hoffnung, diese mit meinen Geschichten bei anderen zu schüren oder überhaupt zu entfachen. Vielleicht liegt es daran, dass als Österreicherin / Wienerin aufgewachsen bin mit dessen Geschichte als einstiger Schmelztiegel vieler Nationen. Diese Tatsache hat mich immer fasziniert, ebenso wie die Dialekte. Wer könnte Wienerische nicht lieben? Immer wieder muss ich beim Schreiben bemerken, wie sehr mich diese Mischpoke aus Wörtern verschiedenster Herkunft geprägt hat. Jiddisches findet sich dabei ebenso wie Englisches und Französisches, das sich bei uns liebenswert wienerisch verballhornt anhört. Zores, Lawur, Dramwe – meine Oma war eine reichhaltige Quelle und ihre Stimme klingt mir heute noch in den Ohren.

